Königsberg
Beide hochqualifizierte Musiker.
Sie kommen aus Rußland. Leben seit wenigen Jahren in Deutschland. Haben
sich bestens hier eingerichtet. Sie spielt in einem bekannten Orchester. Er
unterrichtet in einer Musikschule. Und grad haben sie Besuch bekommen von einem
Kollegen, mit dem sie einst zusammen studiert haben.
Man sitzt zusammen im Restaurant. Und es tritt ein deutscher Bekannter der beiden
hinzu. Der hat an irgendeiner Schule unterrichtet und ist gerade pensioniert
worden. Seine Gesinnung immer noch deutlich erkennbar. Einer jener Alt-68er,
denen nie ein Hauch des Zweifels an ihrer Überzeugung gekommen ist. Ein
Gutmensch, wie er aus jeder Karikatur entsprungen sein könnte. Er fragt
den russischen Besucher, woher er denn komme.
Die Antwort: aus Königsberg. „Ach“, so sagt der Gutmensch,
„sie kommen aus Kaliningrad?“ „Nein,“ antwortet der
Russe: „Ich komme aus Königsberg.“
Und schon entspinnt sich ein Wortwechsel, der nur durch die Höflichkeit
der anwesenden Russen nicht zum Streit entartet.
Der bundesdeutsche Gutmensch, beharrt nachdrücklich darauf. Der Mann kommt
aus Kaliningrad.
Und der will nichts davon wissen. „Ich komme aus Königsberg.“
Diese Namensbezeichnung, so argumentiert der Gutmensch, leistet jedoch hierzulande
Revanchisten Vorschub. Und immerhin seien doch jetzt dort alle Spuren der Vergangenheit
ausgetilgt. Mit neuem Namen eine neue Existenz geschaffen.
Der Besucher aus dem ehemaligen Ostpreußen bleibt höflich. Er lehne
es ab, seine Stadt so zu nennen: Kaliningrad. Immerhin sei dieser Herr Kalinin,
zu dessen Ehren diese Stadt nach dem Krieg umbenannt worden sei, einer der engsten
Helfer, Mitläufer und Trabanten des Massenmörders Stalin gewesen.
„Keine andere Stadt im heutigen Rußland würde mehr diesen Namen
führen, die wär schon lange umbenannt.“
Nein, ich habe die Diskussion nicht protokolliert. Ich habe den Streit nur aufmerksam
verfolgt. Da der deutsche Gutmensch mit seinem völligen Mangel an historischen
Empfinden. Mit seinem dröhnend ausgebreitetem guten Gewissen, seiner Selbstsicherheit.
Dort der russische Musiker. Sensibler, empfindlicher und vor allem mit einem
ausgeprägteren historischen Bewußtsein ausgestattet. Der selbst die
Leiden des Krieges in Erinnerung hat. Der eine Diktatur erlebt hat, dessen Sinne
geschärft sind. Der nicht zu Schwarz-Weiß-Denken neigt, sondern zu
differenzieren vermag. Für mich war diese Debatte eine Lehrstunde. Nicht
nur in deutsch-russischen Beziehungen. Nein, eine Lehrstunde auch in erbärmlicher
Flachheit der Diskussion, wie sie hierzulande meist geführt wird. Von Leuten,
die sich auch noch als Intellektuelle mißverstehen. Munter von der polnischen
Hauptstadt als „Warschau“ reden, statt von „Warszawa“,
wie das auf Polnisch heißt. Aber von der Stadt Breslau mit ihrer jahrhundertelangen
deutschen Tradition und Kultur partout nur von“ Wroclaw“ reden.
Wobei sie diesen Namen noch nicht einmal korrekt aussprechen können. In
diesem Land hat die Dummheit gründlich triumphiert. Sie herrscht in Redaktionsstuben
und auf Bildschirmen, in Schulen und Universitäten. Da fragt man nicht
nach Kenntnissen und Wissen, sondern nach Gesinnungen. Hier werden Debatten
geführt, seicht wie ein Straßentümpel nach dem ersten Frühlingsregen.
Ein sympathischer russischer Musiker fährt zurück in sein verrottetes
Königsberg. Mit den deutschen Gutmenschen müssen wir leben.
(Aus: „Extra Tip“, Kassel, 28.12.2003; leicht gekürzt)